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Meinung Schröder-Doku

Hat Gerhard Schröder recht, wenn er Kevin Kühnert einen Wicht nennt?

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SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert beim Bundesparteitag in Berlin SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert beim Bundesparteitag in Berlin
SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert beim Bundesparteitag in Berlin
Quelle: picture alliance/dpa/Bernd von Jutrczenka
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Altkanzler Gerhard Schröder bezeichnet SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert in einer ARD-Doku als „armen Wicht“. Das ist er natürlich nicht. Trotzdem ist im Kern des Affronts ein Fünkchen Wahrheit zu erkennen.

Seit einiger Zeit sammle ich deutsche Wörter. Nur solche, die etwas Besonderes, Eigentümliches haben. Zum Beispiel, weil sie schön klingen. Oder weil sie kein klangliches Pendant in anderen Sprachen haben. Oft auch, weil sie im Alltag der meisten Menschen nicht mehr gebräuchlich und daher am Verschwinden sind. Ein Wort, das eigentlich naheliegt, fehlte bisher in der kleinen Sammlung. Ausgerechnet Gerhard Schröder hat mich darauf gebracht.

Die ARD-Dokumentation „Außer Dienst? Die Gerhard Schröder Story“ ist bekanntlich deswegen so enttäuschend, weil der ehemalige Bundeskanzler auf die immer gleiche Frage die immer gleichen Antworten gibt und dabei auf penetrante Weise den Lässigen spielt, den noch so viele Hunde, die ihn anbellen, nicht daran hindern können, seinen Weg unbeirrt weiterzugehen. Je länger der Film dauerte, desto langweiliger wurde er. Einen kleinen Höhepunkt hatte die Dokumentation dann aber doch.

Man muss schon ein SPD-Aficionado sein, der durch alle Windungen hindurch treu zu seiner Partei steht, um über eine Bemerkung Schröders nicht zumindest ein bisschen schmunzeln zu müssen. Als es in dem Film wieder einmal um die starke innerparteiliche Kritik an ihm ging, tat Schröder das erneut breit lächelnd ab.

Und nannte, noch breiter lächelnd, den aktuellen Generalsekretär der SPD einen „armen Wicht“. Das ist Kevin Kühnert natürlich nicht. Sehr schnell – weit schneller noch als einst Schröder – hat er den Weg von der radikallinken Geste zum Partei-Establishment zurückgelegt. Und vertritt Positionen des von ihm noch vor vier Jahren scharf bekämpften Olaf Scholz erstaunlich selbstverständlich und ungerührt.

Das ist, wertneutral gesagt, eine nicht unbeträchtliche Leistung. Ein armer Wicht ist Kevin Kühnert also nicht. Aber ein Wicht vielleicht doch. Der heilige, leicht fanatische und vollkommen humorfreie Ernst, der Kühnert ins Gesicht geschrieben ist, hat etwas Kindliches. Das wirkt wie ein mutwilliges Aufstampfen mit den Füßen, das nun gezähmt und in einen Durchhaltewillen transformiert ist.

Jede SPD-Idee kann Kühnert energisch und unerbittlich vertreten. Dass ein politischer Gegner mit einem Argument recht haben könnte, kommt in seiner Welt nicht vor. Auch deswegen wirkt er wie ein kleiner Apparatschik. Eine glühende, aber gezügelte Kampfmaschine.

Man fragt sich, wie ernst er wohl von den Stäben in der SPD-Zentrale genommen wird. Nützlich mag er ihnen ja sein. Aber die Sätze, die er mit Nachdruck von sich gibt, sind in aller Regel viel zu groß für ihn. Er verwendet sie, als habe er sie gebraucht gekauft.

Dass er Polemik kann, weiß und sieht man. Ob er Überzeugungen hat, weiß man nicht. Zuweilen hat die Gelenkigkeit, mit der er kritische Fragen in Angriffe umwandelt, fast etwas Rührendes. Da ist er dann ein Wicht, der sich tapfer für seine Sache, seine Leute schlägt. Und der dabei so tut, als sei er ein Riese.

Schröders verbaler Angriff ist durchaus treffend

Wichte sind Märchen- und Sagenwesen, klein von Gestalt. Oft helfen sie Menschen, armen zumal. Zu greifen sind sie nicht – auf menschlichen Dank reagieren sie, indem sie verschwinden. Manchmal werden sie als kindlich-freundlich beschrieben, manchmal auch als fremd und unheimlich. Ihr Geschlecht ist wandelbar: Neutrum, Femininum, Maskulinum.

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Im Althochdeutschen bedeutete wiht „Ding, Wesen, Dämon“. Im Mittelhochdeutschen eine Wendung ins Vertrautere: wiht bedeutet nun „lebendes Wesen, Geschöpf“. Und später ging es durcheinander: „Ding, Wesen, Sache, Geist, Kind, Kobold“. Die Wichte sind volkstümlich, entstammen aber nicht dem christlichen Universum.

Die Haltung gegenüber den Wichten (auch Wichteln) war stets ambivalent. Ihre kleine Gestalt ließ sie liebens- und schützenswert erscheinen. Ihr Verbleib in ihrer eigenen, oft unterirdischen Welt machte sie etwas unheimlich. Sie waren immer und nie da. Sie waren hilfreich, auf sie bauen konnte man aber nicht.

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Auch wer nie einen Wicht zu Gesicht bekommen hatte, war sich sicher, dass es sie gab. Sie gehörten dazu, vertraute Fremde.

Erst in neuerer Zeit gewann der negative Klang des Wortes, der ihm immer schon anhing, eindeutig die Oberhand. Unmissverständlich in dem zusammen-gesetzten Wort Bösewicht. Aber auch der beiden Vorsilben entkleidet ist der Wicht heute alltagssprachlich durchweg eine unsympathische Person: ein Leichtgewicht, nicht ernst zu nehmen, unbedeutend. Kurz: ein armer Wicht.

So gesehen, ist Schröders Sottise gegen Kühnert durchaus treffend. Dennoch möchte man die Wichte vor dem Versuch in Schutz nehmen, Kevin Kühnert ans Ende, an den bisherigen Endpunkt der langen, wechselvollen Geschichte der Wichte zu stellen. Denn das haben sie dann doch nicht verdient.

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