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(picture alliance) Joachim Gauck glaubt an die repräsentative Demokratie - nicht an Angstmache.

Joachim Gauck im Porträt - Im Schatten der DDR

Joachim Gauck, Deutschlands künftiger Bundespräsident, ist bekannt für sein Pathos, seine Kraft, seine Wut - und seine DDR-Vergangenheit. Seine Kritiker fragen sich, ob er so ein Präsident aller Deutschen werden kann. Eine Spurensuche

Es sind zu viele von uns weggegangen,
ach hätte niemals niemand damit angefangen.
Trauer und Wut, das hat Euch weggetrieben.
Mensch, wär das schön, ihr wäret alle hier geblieben.
Bei euch, bei uns,
und auch bei mir.

Ich werde dieses Lied vielleicht nur summen,
und eines Tages vielleicht ganz verstummen.
Schweigend und klein verbucht man die Verluste,
ich weiß nur sicher, dass ich bleiben musste.

 

Dass unsere Ohnmacht nicht noch größer wird,
dass unsere Ohnmacht nicht noch größer wird!

 

Es ist vielleicht die stärkste Szene in der Autobiografie des künftigen Bundespräsidenten. Joachim Gauck gibt in „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ viel von sich preis, so wie er es immer tut, wenn er Menschen erreichen will. Um die Verluste in Worte zu fassen, die ihm das Stasi-Regime zugefügt hat, schreibt er diese Zeilen der Liedermacherin Bettina Wegner nieder. An sie habe er denken müssen, als ihm die DDR drei seiner vier Kinder nahm. Christian, Martin und Gesine verließen Ende der 80er Jahre das verhasste Land. Einige Monate vor dem Mauerfall mussten Joachim Gauck und seine Frau Hansi der Tochter, die als letzte ging, Lebewohl sagen. Es war ein Abschied ohne Aussicht auf ein Wiedersehen. Nur die Tochter Katharina blieb. Die Familie drohte zu zerbrechen. Beim Schreiben dieser Szenen seien ihm die Tränen gekommen, die er sich damals auf dem Bahnhof verboten hatte, sagt er später.

[video:Bettina Wegner: "Für meine weggegangen Freunde"] Wenn Gauck vor die Menschen tritt, agiert er mit Pathos, hält emotionale Reden, trifft die Zuhörer mit der ganzen Wucht seiner Worte. Das wird einer der Hauptgründe dafür sein, weshalb sich fast die gesamte Parteienlandschaft für seine Kandidatur ausgesprochen hat. Weshalb sich eine zerstrittene Koalition mit einer kratzbürstigen Opposition auf diesen Mann einigen konnte, der nun auch von vielen Kritikern eifrig und mehr oder weniger gerecht unter die Lupe genommen wird. [gallery:Joachim Gauck, der Bürgerpräsident]

Als Joachim Gauck elf Jahre alt ist, holen die Russen seinen Vater. Erst Jahre später sollte die Familie erfahren, dass der Mann lebte – in sibirischer Gefangenschaft. Bis zu seiner Rückkehr übernimmt der Junge die Stellung an der Seite der Mutter, kümmert sich um die Erziehung der jüngeren Geschwister – und tritt zurück ins Glied, als der Vater vier Jahre später zurück kehrt und seinen Platz als autoritäres Familienoberhaupt einfordert.

Mutter Olga, Bürokauffrau und „in praktischen Dingen außerordentlich beschlagen“, ist nicht bereit, sich in Fragen des Haushalts und der Kindererziehung unterzuordnen. Liebevoll berichtet Gauck in seiner Autobiografie von seiner Heimat Wustrow in der mecklenburgischen Boddenlandschaft, von den drei Frauen, die über seine ersten Lebensjahre wachen, von der Mutter, Großmutter Antonie und Großmutter Warremann.

Nach dem Abitur heiratet Gauck seine Schulfreundin Hansi, von der er bis heute nicht geschieden ist, obwohl er seit 1991 von ihr getrennt lebt und schon seit über zehn  Jahren mit der Journalistin Daniela Schadt zusammen ist. Mit Hansi bekommt er vier Kinder, die sie in ärmlichen Verhältnissen groß ziehen. Die Stasi hat den regimekritischen Pastor und seine Familie all die Jahre fest im Blick.

Als seine Söhne und die Tochter dann das Land verlassen, steigt seine „Wut gegenüber denen, die uns die Kinder aus dem Land getrieben haben.“ Und Gauck ist enttäuscht. Sein Glaube, etwas verändern zu können, ist trotz aller Erziehung nicht auf seine Kinder übergegangen. Statt dessen verlassen sie ihn. Er aber bleibt - und sagt dazu: „Meine Heimat liebte ich seriös, meinen Westen wie eine Geliebte.“

Auf der nächsten Seite: Gaucks Äußerungen über Sarrazin, Occupy und die Finanzmärkte

Nach der Wende dann wird Gaucks Leben auch offiziell politisch. Als Sprecher der Freiheitsbewegung und als gewählter Abgeordneter in der Volkskammer kann er mitgestalten – und all seine Erfahrungen mit dem Unrechtsregime in politischen Willen ummünzen. Er glaubt als einer der ersten an die deutsche Einheit. Als Sonderbeauftragter für die Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes sind ihm 3.500 Mitarbeiter unterstellt. Er öffnet die Akten für die Opfer der Stasi und ermöglicht der Wissenschaft den Zugang. Er kämpft mit voller Kraft gegen die weit verbreitete Tendenz, unangenehme Erinnerungen in Frieden ruhen zu lassen.[gallery:Joachim Gauck, der Bürgerpräsident]

Heute ist Gauck 72 Jahre alt. Er hat unter zwei Diktaturen gelitten, er hat die 68er miterlebt. In Interviews reflektiert er das Unvermögen seiner Generation, stolz zu sein auf das eigene Land. Gauck aber weiß um die junge Generation, der das möglich ist. Auf sie zählt er, weil er hofft, dass Patriotismus natürlich und möglich wird in Deutschland. Das wird ihm auch als Bundespräsident ein Anliegen sein, so viel machte er in den ersten Äußerungen nach der Nominierung deutlich.

Ebenso schnell aber machte sich auch die Netzöffentlichkeit ein Bild vom „bösen Gauck“. Kritiker verbreiten Gaucks Bemerkungen zu Thilo Sarrazin, der mit seinem Buch „Mut bewiesen“ habe, die Occupy-Bewegung nannte Gauck „albern“, zur Kritik am Kapitalismus falle ihm nichts ein, heißt es. All diese Zitate wurden aus dem Zusammenhang gerissen. Gauck kritisierte etwa im selben Interview auch Sarrazins populistische Herangehensweise an das Thema Migration und die biologistischen Herleitungen Sarrazins kruder Thesen.

Joachim Gauck hat einen Staat erlebt, der als „unberechenbar wie ein absoluter Herrscher“ auftrat. Er lebte in einem System, das seine „Bürger am helllichten Tag aus der Mitte des Lebens herausreißen, foltern, verurteilen oder sogar töten konnte“, wie er in seinem ersten Buch „Im Westen“ beschreibt. Ein solcher Mensch entwickelt Misstrauen, wenn sich wütender Aktionismus gegen ein Bahnhofsprojekt wie Stuttgart 21 oder die entfesselten Finanzmärkte durch die Occupy-Bewegung formiert. In der untergegangenen DDR seien „zu viele Menschen zu viele ungeprüfte Kompromisse eingegangen“, weiß er aus Erfahrung.

Gauck glaubt an die repräsentative Demokratie. Es ist ihm zuwider, wenn Angstreflexe für Politik und Meinungsmache genutzt werden. So wütend wie er darüber war, dass die DDR-Erziehung seiner Tochter weismachte, sie sei in ihrem eigenen Bett nicht sicher vor den Bomben der Westmächte, so wütend machen ihn unreflektierte Proteste. Und so hat er sich in der Vergangenheit auch Feinde in diesen Gruppen gemacht, die seine Kandidatur nun mit Argwohn betrachten.

Bisher war Gaucks Thema die Freiheit. Zu vielen anderen Fragen wird er sich in Zukunft Gedanken machen müssen. Er weiß das und hat bei der Verkündung seiner Nominierung bewusst keine Grundsatzrede gehalten. Am Tag der Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer des rechtsextremen Terrors hat Gauck allerdings ein erstes Signal gegeben. Er will seine Aufgabe als Versöhner der Menschen in Deutschland ernst nehmen. Er sprach mit jeder der Opferfamilien und telefonierte anschließend mit dem türkischen Präsidenten Abdullah Gül. Den Verdacht, dass das Thema Integration, das Christian Wulff auf die Tagesordnung gehoben hatte, bei Gauck keinen Widerhall findet, hat der Bundespräsident in Spe damit zur Seite geräumt.

Die von ihm anfangs zitierten Zeilen von Bettina Wegner erzählen von einer anderen Zeit. Es ist die Zeit, aus der Joachim Gauck seine Wut, seine Kraft und seine Überzeugung schöpft. Manche seiner Kritiker bemängeln, dass diese Zeit vorbei ist, dass Gaucks Freiheitsbegriff altbacken sei und er mit seiner norddeutschen DDR-Vergangenheit viele Menschen in Deutschland nicht erreichen wird.

Joachim Gauck kann dem entgegenhalten, dass es immer Werte geben wird, die Grenzen und Generationen überdauern. Und die es zu bewahren lohnt. In seiner Autobiografie beschreibt Gauck den eigenen Vater nach dessen Rückkehr aus der Gefangenschaft und der Leser kommt nicht umhin, in dieser Beschreibung den Bundespräsidenten selbst zu sehen. Sein Vater „mag Tendenzen zu einer übertriebenen Selbstsicherheit gehabt haben“. Aber es habe Grundsatzfragen gegeben, in denen dieser ohne jede Koketterie gewesen sei. Es waren „Gott, Anstand, Gerechtigkeit und Wahrheit.“

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