"Unanständig, Putins Lügen zu verbreiten" - Kritik an Gerhard Schröder | Euronews
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"Unanständig, Putins Lügen zu verbreiten" - Kritik an Gerhard Schröder

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Von Kirsten Ripper  & Euronews  mit AFP; Twitter, STERN
Gerhard Schröder 2020 - sein Interview im STERN sorgt für Kritik
Gerhard Schröder 2020 - sein Interview im STERN sorgt für Kritik   -   Copyright  MARCEL KUSCH/AFP

Gerhard Schröder auf dem Cover des STERN hat sich wohl gut verkauft. "Warum soll ich mich entschuldigen?" lautet das Titelzitat aus dem Exklusiv-Interview - gleich nach der zweiten Moskau-Reise des Ex-Kanzlers seit dem Krieg in der Ukraine. Auf Twitter meint der schwedische Wirtschaftswissenschaftler Anders Aslund, es sei höchste Zeit, dass die EU Schröder Sanktionen auferlegt.

Um mögliche Sanktionen gegen Schröder wegen seiner "Treue" zu Putin und der Lobbyarbeit für Russland geht es auch im Gespräch. "Das ist ja unkalkulierbar, was die in ihrem Sanktions-Eifer gerade alles veranstalten", sagt der Altkanzler - offenbar unbeeindruckt von der Kritik, die ihm sogar auf dem Golfplatz entgegenschlägt.  

Gerhard Schröder hat Posten in den Aufsichtsräten der Nord-Stream-Pipelines 1 und 2 - und damit bei einem russischen Staatskonzern. Von seinem hochdotierten Posten beim Moskauer Energieriesen Rosneft war Schröder im Frühjahr dann doch zurückgetreten. 

Stern-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz, der das Interview mit dem Ex-Kanzler zusammen mit Nikolaus Blome von ntv/RTL in Hannover geführt hat, schreibt: "Wir haben uns entschieden, das Gespräch mit Schröder als Wortlautinterview zu drucken. Denn es leistet einen Beitrag. Nicht zur Frage, wer schuld ist am Angriffskrieg, das ist ganz klar Russland. Sondern zu der Frage, wie eine Verhandlungslösung aussehen könnte und was die russische Seite denkt."

Ich muss deswegen nicht ständig den Empörer spielen, das können andere tun.
Gerhard Schröder
Im STERN-Interivew zu Russlands Krieg in der Ukraine

Tatsächlich bestätigt Schröder im Interview, dass er Wladimir Putin erneut getroffen hat. Doch WIE ein Frieden oder auch nur eine Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine aussehen könnte, diese Frage beantwortet der "Handlanger Putins" - wie Schröder von Kritikern schon seit Jahren genannt wird - nicht. 

Der 78-Jährige sagt: "Ich halte diesen Krieg für einen Fehler der russischen Regierung. Das habe ich auch öffentlich gesagt. Aber ich muss deswegen nicht ständig den Empörer spielen, das können andere tun."

Empört sind viele über Schröders Aussagen. Der Präsident der Ukraine nennt ihn nicht beim Namen, Wolodymyr Selenskyj erklärt aber,  es sei "widerwärtig, wenn ehemalige Leader großer Staaten mit europäischen Werten für Russland arbeiten, das im Krieg gegen diese Werte kämpft."

STERN NR. 32
Gerhard Schröder im STERN - fotografiert von Jens UmbachSTERN NR. 32
Es gibt nichts Zynischeres als die Behauptung von Putins Handlangern, Russland sei zu Friedensgesprächen bereit.
Dmytro Kuleba
Außenminister der Ukraine

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba hat seine Reaktion oben auf seiner Twitter-Timeline angeheftet. "Es gibt nichts Zynischeres als die Behauptung von Putins Handlangern, Russland sei zu Friedensgesprächen bereit. Wir hören und sehen diese "Bereitschaft" jeden Tag: Artillerieangriffe, Raketenterror gegen Zivilisten, massenhafte Gräueltaten. Russland ist nach wie vor auf den Krieg fixiert, alles andere ist nur ein Vorwand."

Der frühere Außenminister von Polen Radek Sikorski schreibt auf Twitter: "Es ist absurd, wenn der ehemalige Bundeskanzler Schröder behauptet, man müsse #Nordstream2 in Betrieb nehmen, um mehr russisches Gas nach Deutschland zu liefern. Es gibt genügend freie Kapazitäten in der Brotherhood-Pipeline durch die Ukraine oder der Yamal-Pipeline durch Polen. Es ist unanständig, Putins Lügen zu verbreiten."

Applaus für Schröder kommt aus der deutschen AfD. Parteichef Tino Chrupalla schreibt auf Twitter: "In der Krise erweist sich der frühere Kanzler als guter Patriot, der für Frieden & deutsche Interessen einsteht. Wie die @AfD fordert er, #NordStream2 in Betrieb zu nehmen u. durch Verhandlungen den Krieg zu beenden. Russland sei bereit. Verhandeln jetzt!"

Der Kommentar zu Schröder in der SZ kommt zu dem Schluss, dass der Politiker gar nicht aus der SPD ausgeschlossen werden müsse, denn: "Er blamiert sich halt".

Das Exklusiv-Interview ist auch ein wenig Home-Story: Schröders Frau ist nicht zu Hause, deshalb müssen die Bodyguards für den Kanzler und die Journalisten Pizza bestellen. Der ehemalige Regierungschef wird in seinem schicken Sommeranzug in Szene gesetzt - die Stimmung habe sich erst beim Fototermin nach dem Interview entspannt.

Auf Twitter fragt RTL-Politikchef Nikolaus Blome dann doch "Ego frisst Anstand?". 

Blomes Kollege Schmitz meint zu Schröder "Der vielleicht beste Wahlkämpfer der Bundesrepublik zeigt immer noch ein feines Gespür für Stimmungen." Und auf dieser Stimmungswelle reitet das Interview mit.

Nur in der Online-Version gibt es noch ein Interview mit dem scheidenen Botschafter der Ukraine in Deutschland Andrij Melnik.