Gründung der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau – Kulturstiftung
Ereignis vom 3. August 1811

Gründung der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau

Universität Breslau

Nach verschiedenen frühen Anläufen auf lokaler Ebene (Liegnitz 1308; Schweidnitz 1409) kam die Errichtung einer Landesuniversität erst durch die Herrschaft der Habsburger über 1 Schlesien zustande, die sich durch die konfessionell-politischen Rahmenbedingungen vor Ort nur schwer entfalten konnte und von Anfang an mit dem Widerstand des mehrheitlich protestantisch Bürgertums in Breslau zu rechnen hatte: Die in und nach dem Dreißigjährigen Krieg betriebene habsburgische Rekatholisierung Schlesiens erforderte die katholisch-konfessionelle Erziehung der Jugend (auch der protestantischen), die Heranbildung des Welt und Ordensnachwuchses und damit die Stärkung des Klerus, für die die Jesuiten besonders prädestiniert waren. Durch die Implementierung der Breslauer Universität im Herzen der Oderstadt wurde die intensive Gegnerschaft der Bürgerschaft und die nur sehr mühsam vorankommende Expansion des akademischen Betriebs zementiert: Am 21. Oktober 1702 wurden statt der üblichen vier nur zwei Fakultäten (Theologie u. Philosophie) durch die Aurea Bulla Kaiser Leopolds I. (1658-1705) ins Leben gerufen. Der Namensgeber der Leopoldina stattete die Breslauer Universität mit allen Privilegien der großen europäischen Ausbildungsstätten aus, formte sie aber nach dem Modell der Olmützer Jesuitenakademie. In der Folge führte u.a. die unzureichende Unterstützung durch den Landesherrn dazu, dass der Aufbau einer juristischen und medizinischen Fakultät nicht über Ansätze hinaus kam, ebenso wie die bauliche Ausstattung der Universität (unvollständiger Neubau des prächtigen, heute noch existierenden barocken Hauptgebäudes 1728) mit Druckerei und Apotheke nur gegen den erbitterten Widerstand der Breslauer erfolgte. Damit konnte die Jesuitenuniversität nicht die in sie gesteckten gegenreformatorischen Erwartungen der Gründer erfüllen, obgleich ihre Lehre anfangs auf der Höhe der Zeit war. Mit der Aufklärung kam zur politisch-wirtschaftlichen Defensivstellung der Leopoldina noch eine pädagogische, da auch weiterhin die Scholastik den Lehrbetrieb des 18. Jahrhunderts dominierte. Erst der Herrschaftswechsel durch die Schlesischen Kriege (1740-1763) führte zu neuen Rahmenbedingungen: 1741 garantierte Friedrich der Große (1740-1786) den Fortbestand der Universität mit jesuitischen Lehrkräften, unterwarf sie aber ganz der preußischen Staatsräson. Akademische Stagnation und wirtschaftliche Probleme waren die Folgen, denen Friedrich in Kooperation mit dem Ortsbischof, dem an einer stärkeren Kontrolle des Lehrbetriebs lag, mithilfe von französischen Patres abhelfen wollte. Der Siebenjährige Krieg (1756-63) und die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 beendeten nicht nur solche Reformversuche, sondern führten das akademische Leben in Breslau an den Abgrund, obgleich anders als in den katholischen Staaten den Jesuiten ein Bleiberecht in Preußen zugesichert wurde. Diese personelle Kontinuität, die den vor allem naturwissenschaftlichen Erfordernissen der Zeit kaum gerecht werden konnte, führte trotz der Reformen von 1773/76 und 1800/01 zu einem weiteren Verlust des akademischen Ansehens, der aber überwiegend Struktur und Zeitgeist geschuldet war.

Die auf den Ideen Wilhelm von Humboldts (1767-1835) basierende neu gegründete Berliner Universität bildete das Modell für die Errichtung einer Volluniversität in Breslau durch die Fusion mit der Viadrina (Frankfurt/Oder), die durch die Kabinettsordre vom 24. April 1811 erfolgte. Nahezu der gesamte Lehrkörper sowie die materielle Ausstattung der Oderuniversität mit ihren evangelischen, juristischen und medizinischen Fakultäten kamen nun nach Breslau. Die philosophische Fakultät dieser Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität entwickelte sich nun zur Hörerstärksten sowie zu einer liberalen und breitgefächerten Einrichtung mit mathematisch-naturwissenschaftlichen und später agrikulturellen Zweigen und entsprechenden renommierten Lehrkräften (Kirchhoff, Bunsen etc.). Die klassischen Fächer der Geschichte, Philologie und Archäologie brachten der Breslauer Universität internationalen Ruf ein. 1842 wurde ein Lehrstuhl für Slawistik eingerichtet. Die beiden theologischen Fakultäten, die erstmals in Deutschland unter einem Dach arbeiteten, entwickelten sich in enger Anlehnung an den Staat, die juristische erzielte besonders in den innovativen Fächern des internationalen und Naturrechts sowie in der Rechtsphilosophie Breitenwirkung, die medizinische expandierte erst nennenswert im Kaiserreich durch einen neuen Standort und namhafte Professoren (Purkynie, Radecki etc.). Vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Bildungsstätte strukturell und personell kräftig. Zur Breslauer Universität mit ihren knapp 1500 Studenten (1884) darunter seit 1885 erste weibliche Gasthörer gehörten um 1900 zwölf verschiedene naturwissenschaftliche Institute, sechs klinische Anstalten und drei Kunstsammlungen. Im beginnenden 20. Jahrhundert kam noch ein Hochschulinstitut für Musikerziehung und Kirchenmusik hinzu, das den ostdeutschen Raum mit Kirchenmusikern versorgte. Trotz einiger herausragender Wissenschaftler mit internationaler Reputation und einigen Nobelpreisträgern, die von Breslau an andere deutsche Universitäten gewechselt hatten, konnte die Schlesische Friedrich-Wilhelms-Universität auch im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert nicht zu den deutschen Spitzenbildungsstätten aufschließen.

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs nahmen Vorlesungsbetrieb und Studentenzahlen deutlich ab; nach dem Krieg expandierte der akademische Betrieb auch strukturell, etwa durch Gründung verschiedener neuer Einrichtungen (Osteuropa-Institut etc.). Die Gleichschaltung der Breslauer Universität durch die Nationalsozialisten traf die Bildungsstätte gleich in den ersten Jahren hart: Viele Lehrkräfte emigrierten oder wurden aus dem Universitätsbetrieb herausgedrängt, so auch die polnischen Studenten im Juni 1939; der Betrieb ging aber noch bis 1945 mit abnehmenden Hörerzahlen weiter. Zu Kriegsende wurden mit der Stadt auch ihre Universitätsgebäude, Laboratorien, Bibliotheken und die übrigen wissenschaftlichen Samm lungen weitgehend zerstört. Nach 1951 übernahm die Kölner Universität die Pflege der deutschen Breslauer Traditionen.

Nach Zerstörung, Vertreibung und politischer Umstrukturierung gelang die Neugründung einer polnischen Universität in Breslau (15. August 1945) nur mühsam. Neue Professoren kamen zunächst aus der Lemberger Universität, die bedeutenden Anteil am organisatorischen Aufbau hatten. Nun wurden Fakultäten geteilt bzw. neue eingerichtet und eigene Akademien für Agrikultur sowie für Ökonomie ins Leben gerufen. Das Politechnikum (von 1910 bis 1945 Technische Hochschule), das nach dem Krieg administrativ an die Universität angeschlossen wurde, arbeitete seit 1951/52 wieder eigenständig. Eine Neuorganisation des Studienbetriebs brachte der Ministererlass von 1969 der die Breslauer Universität in 22 Institute und 110 Departments gliederte.

Auch die politische Wende 1989/90 brachte für das Breslauer Universitätsleben große Veränderungen mit sich. Bereits kurz vor 1989 und in den folgenden Jahren wurden Kurse auch außerhalb Breslaus angeboten, so für Geschichte, Pädagogik und Philologie in Jelina Góra und für Verwaltungsrecht, Geschichte, Pädagogik und Mathematik in Klodzko. Abend- und Fernstudium erfreuen sich in Breslau immer größerer Beliebtheit (2002 ca. 53 % der Studentenschaft). Nach westlichem Modell wurden 1991/92 Bachelor und Master-Studiengänge eingerichtet und internationale Kooperationen angestrebt. So wurden bis 2002 25 Austauschprogramme mit der ausländischen Forschungswelt geschlossen, die 200 Lehrkräfte und 100 Studenten in alle Welt brachten. Zu jener Zeit waren an der Breslauer Universität ca. 47.000 Studenten in acht Fakultäten immatrikuliert. Die Jahre 2002 und 2011 standen im Zeichen der Universitätsjubiläen vor allem das letzte fand große Aufmerksamkeit durch Kongresse renommierter internationaler Wissenschaftler und der Teilnahme politischer Eliten.

Lit.: Festschrift zur Feier des hundertjährigen Bestehens der Universität Breslau, 1811-1911, hrsg. von Georg Kaufmann, 2 Teile, Breslau 1911. Mieczyslaw Pater, Historia Uniwersytetu Wroclawskiego do roku 1918, Breslau 1997. Carsten Rabe, Alma Mater Leopoldina . Kolleg und Universität der Jesuiten in Breslau 1638-1811, Köln u.a. 1999. Teresa Kulak u.a. (Hrsg.), Historia Uniwersytetu Wroclawskiego 1702-200 2, Breslau 2002. Norbert Conrads (Hrsg.), Quellen buch zur Geschichte der Universität Breslau 1702-1811 , Köln u.a. 2003. Romuald Geiles, Doktorzy honoris causa Uniwersytetu Wroclawskiego 1803-2002, Breslau 2003. Die tolerierte Universität. 300 Jahre Universität Breslau 1702-2002. Katalogbuch hrsg. von Norbert Conrads, Stuttgart 2004. Krzysztof Popinski, Studenten an der Universität Breslau 1871 bis 1921. Eine sozialgeschichtliche Untersuchung, Würzburg 2009. Stefan Samerski, ,,Päpstlicher als der Papst“? Preußen und die Jesuiten nach 1773, in: Bärbel Holtz (Hrsg.), Krise, Reformen und Kultur. Preußen vor und nach der Katastrophe von 1806 (= Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, 11), Berlin 2010, 47-64. Jan Harasimowich (Hrsg.), Universität Breslau in der europäischen Kultur des 19. Und 20. Jahrhunderts (Breslau).

Bild: Universität Breslau / Quelle: Wikipedia. Gemeinfrei.

Stefan Samerski (OGT 2011,264)