Leonid Breschnew : Leonid Breschnew : Vor 35 Jahren starb der Alain Delon aus dem Kreml
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Leonid Breschnew  Leonid Breschnew : Vor 35 Jahren starb der Alain Delon aus dem Kreml

Von Steffen Könau 10.11.2017, 10:00
So sah sich Leonid Breschnew selbst gern: Ein bisschen Staatsmann, ein bisschen Popstar.
So sah sich Leonid Breschnew selbst gern: Ein bisschen Staatsmann, ein bisschen Popstar. Wladimir Musaelyan

Halle (Saale) - Auf dem Bild mit dem Trainingsanzug, das Leonid Iljitsch Breschnew nach langem Überlegen gemeinsam mit seinem Leibfotografen Wladimir Musaelyan ausgesucht hatte, wirkt er wie ein altgewordener Schauspieler.

Sonnenbrille, schwere goldene Rolex-Uhr, eine angegraute Tolle. „Ich sehe aus wie Alain Delon“, lobte sich der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion beim Betrachten spontan selbst.

Leonid Iljitsch Breschnew - Ein bisschen Staatsmann, ein bisschen Popstar

Ein bisschen Staatsmann, ein bisschen Popstar, das wollte der Sohn eines Metallarbeiters aus der Ukraine sein. Nicht, weil er eitel war oder gesteigerten Wert auf die gottgleiche Verehrung gelegt hätte, die seinen Vorgängern Stalin und Chruschtschow so wichtig war.

Nein, Leonid Breschnew war im Oktober 1964 als neuer Chef der KPdSU angetreten, den Sowjetmenschen eine besseres Leben und der Welt eine Ära des Friedens zu geben, wie die Hamburger Historikerin Susanne Schattenberg über den 1906 in der Nähe von Dnepropetrowsk geborenen Breschnew schreibt, der vor 35 Jahren starb.

Dass dies die erste wissenschaftliche Biografie über den Mann ist, der das kommunistische Weltlager über anderthalb Jahrzehnte führte, zeigt die Probleme der Figur.

Die Lebenswege von Leonid Breschnew  - im Schatten von Stalin

Leonid Breschnew, ausgebildeter Metallurge, spätberufener Komsomolze und auch erst ab Mitte 20 Parteimitglied der KPdSU, steht im Schatten des grausamen Stalin und er verblasst neben dem vermeintlichen Reformer Chruschtschow, der die schreckliche Herrschaft Stalins beendete. Ein Bürokrat sei er gewesen, ein Stalinist zudem, heißt es über Breschnew.

Falsch, sagt Susanne Schattenberg, die zahlreiche Dokumente aus russischen Archiven als erste Forscherin überhaupt einsehen konnte.

In ihrer Darstellung des Lebensweges des Landvermessers, Panzersoldaten, Institutsdirektors und Parteisekretärs ist Breschnew anders: Kein Ideologe, sondern ein Pragmatiker. Kein trockener Funktionär, sondern ein Mann, der Frauen und schnelle Autos liebt, kein Spitzenpolitiker mit Dünkel, sondern ein Kumpeltyp, der seine Mitarbeiter bis zum Chauffeur behandelt, als gehörten sie zur Familie.

Das Breschnew-Klischee des greisen Grauschopfes, der mit stockender Stimme spricht, stammt aus den letzten Jahren des schon schwer kranken und tablettenabhängigen Parteiführers.

Breschnew steht da unter Druck, denn seine Strategie, nicht mit Angst und Schrecken zu herrschen wie seine Vorgänger, zwingt ihn, stets Kompromisse mit den Hardlinern seiner Partei zu suchen.

Breschnew: Maximaldemokrat unter den Bedingungen der Diktatur

Er selbst aber ist keiner, sondern ein Maximaldemokrat unter den Bedingungen der Diktatur. „Erst muss Wohlstand her“, glaubt Breschnew, „dann erst werden die Menschen soweit sein, demokratische Rechte ausüben zu können.“

Breschnew mag Witze, am meisten die, für die man unter Stalin noch eingesperrt wurde. Er erzählt sie laut und er lacht dröhnend dazu.

Der Glaube an den „entwickelten Sozialismus“, den er mit eigener Feder als „neue Entwicklungsstufe“ der Theorie des Weltkommunismus hinzufügt, ist stark in ihm. Aber ein Rest Realismus angesichts der immer langsamer werdenden Fortschritte der Sowjetunion ab Anfang der 70er Jahre ist auch da.

„Erst lassen wir dich raus, dann weitere“, beschied er seine Nichte, die gebeten hatte, zu ihrem Freund in die DDR ziehen zu dürfen, „und kaum haben wir uns versehen, bleibe ich mit Kossygin allein, und auch der haut bei der nächsten Gelegenheit ab.“

Alexei Kossygin war Breschnews jahrelanger Gegenspieler

Alexei Kossygin war Ministerpräsident der Sowjetunion und Breschnews jahrelanger Gegenspieler beim Versuch, das Land zu modernisieren. Hinter den Kulissen des Kreml tobte kein echter Machtkampf, sondern ein ständiger Kleinkrieg.

Wer kann wo Vertraute platzieren? Wer findet in der Deckung des anderen ein Loch, in das sich beim nächsten Plenum Kritik stopfen lässt?

Es ist Breschnew, der gewinnt, indem er, der technisch gesehen nur Chef der Staatspartei ist, über Umwege auf das Feld der Außenpolitik ausweicht. Hier sucht der mächtigste Mann des Kommunismus, gestärkt durch seine erfolgreiche Niederschlagung des Prager Frühlings, die Nähe von Willy Brandt und US-Präsident Richard Nixon.

Breschnew, der als junger Mann erlebt hat, wie man mit purem Willen und Rücksichtslosigkeit Turbinen in Gang bringen kann und sich Getreide aus leeren Scheuern holen lässt, reist in die USA und nach Frankreich. Und er hat einen geheimen Kanal nach Bonn. Zum Ärger der DDR-Führung, die in tagelangen Besuchen von Brandt in Breschnews Datscha ein Anzeichen dafür sieht, dass der Osten Deutschlands zum Verkauf steht.

Breschnew ging es um das Verhindern eines Atomkrieges

Breschnew aber geht um Größeres, die Verhinderung eines Atomkrieges, die er mit den Abrüstungsabkommen Salt und Salt II anstrebt. Ein Unternehmen, das gelingt, auch weil er in der Bundesrepublik, in Paris und Washington nicht als dröger Apparatschik auftritt, sondern als PS-geiler Hengst, der statt seiner Frau eine hübsche Aeroflot-Stewardess in seinem Bungalow in Camp David beherbergt und den Männern auf der anderen Seite des Verhandlungstisches damit signalisiert: Ich bin genau wie ihr.

Als der DDR-Spion Günter Guillaume in Brandt Kanzleramt auffliegt und Breschnew seinen Freund Willy Brandt durch Rücktritt verliert, tobt er. „Ausgerechnet unsere deutschen Freunde!“

(mz)