7. Juni 1974: Die SPD bekommt eine neue und moderne Parteizentrale in Bonn | Vorwärts
Geschichte

7. Juni 1974: Die SPD bekommt eine neue und moderne Parteizentrale in Bonn

Vor 50 Jahren, am 7. Juni 1974, beginnt in Bonn der Bau des Erich-Ollenhauer-Hauses. Die neue Parteizentrale löst das Provisorium der hölzernen „Baracke“ ab und steht für den Aufbruch der SPD in eine neue Zeit.

von Thomas Horsmann · 7. Juni 2024
Das Erich-Ollenhauer-Haus in Bonn: Bis zum Umzug 1999 in das Willy-Brandt-Haus nach Berlin war es die Parteizentrale der SPD.

Das Erich-Ollenhauer-Haus in Bonn: Bis zum Umzug 1999 in das Willy-Brandt-Haus nach Berlin war es die Parteizentrale der SPD.

Dort, wo in Bonn lange die „Baracke“ stand, gähnt eine Baugrube, auf deren Grund an diesem Tag SPD-Fahnen im frischen Wind wehen. Auf einer hölzernen Plattform drängen sich Parteiführung, Gäste, Reporter*innen und ein Fernsehteam. SPD-Chef Willy Brandt spricht zur Grundsteinlegung des neuen Parteihauses an der Ecke Friedrich-Ebert-Allee / Ollenhauerstraße. Es ist der 7. Juni 1974, der erste öffentliche Auftritt Brandts nach seinem Rücktritt am 7. Mai wegen der Guillaume-Affäre.

Schluss mit der „Baracke“

Blick zurück: Seit 1951 ist ein flacher Holzbau, die „Baracke“, die Parteizentrale der SPD in Bonn. Die Stadt am Rhein ist die vorläufige Hauptstadt (West-) Deutschlands, sie gilt der Parteiführung als „eine Station auf dem Weg zur wirklichen Hauptstadt Berlin“ (Fritz Heine). Parteichef Kurt Schumacher hofft auf eine zügige Wiedervereinigung. Folgerichtig ist das Parteihaus aus Fertigbauteilen konzipiert, die leicht ab- und wieder aufgebaut werden können – letzteres natürlich in Berlin.

Doch die Hoffnung auf eine rasche Wiedervereinigung verfliegt durch die Politik Adenauers und der Union schnell. Erst die Wahlerfolge der SPD Ende der 1960er Jahre ermöglichen Willy Brandt und Egon Bahr die Neue Ostpolitik umzusetzen, die 1990 zur ersehnten Wiedervereinigung führen wird.

SPD ist stärkste politische Kraft

Die Wahlerfolge der SPD in den 70er Jahren haben auch einen anderen Effekt: Die „Baracke“, die offiziell nun „Erich-Ollenhauer-Haus“ heißt, reicht trotz diverser Anbauten nicht mehr aus. „Die SPD ist inzwischen zur stärksten politischen Kraft in der Bundesrepublik Deutschland herangewachsen. Sie stellt den Bundeskanzler und die größte Fraktion im Deutschen Bundestag. Die Aufgaben des Parteivorstandes haben sich vervielfacht“, fasst Brandt 1972 die Situation zusammen.

Im selben Jahr beginnen Bundesgeschäftsführer Holger Börner und Schatzmeister Alfred Nau, den Neubau zu planen. Im Juni 1973 wird der Parteivorstand von dem Projekt unterrichtet. Den Architektenwettbewerb gewinnt das Büro Novotny Mähner Assoziierte. Am 8. Februar 1974 fasst der Parteivorstand den einstimmigen Beschluss, neu zu bauen. Dies fällt ihm umso leichter, als Brandt bereits am 18. Januar 1973 Bonn in seiner Regierungserklärung als „Bundeshauptstadt“ anerkennt. Die Zeit des Provisoriums endet – auch für die Parteizentrale. Die alte Holzbaracke wird 1974 abgebaut und zu großen Teilen in Travemünde für ein AWO-Erholungsheim genutzt.

Der Geist der „Baracke“ bleibt

In einer Broschüre schreiben die Architekten Fritz Novotny und Arthur Mähner: „Wir wollten der sachlichen, nicht auf äußere Repräsentation gerichteten Haltung der SPD gerecht werden, die gewachsene Atmosphäre der ‚Baracke’ erhalten und auf den Neubau übertragen.“ In seiner Architektursprache lehnt sich der moderne Flachbau, der in 16 Monaten errichtet wird, an den ursprünglichen Holzbau an und hebt sich damit von dem vis-à-vis gelegenen zwölfgeschossigen Konrad-Adenauer-Haus sowie den anderen Repräsentationsbauten an der „Diplomatenrennbahn“, einem Teilstück der Bundesstraße 9 zwischen Bonn und Bonn-Bad Godesberg, ab.

Dass der „Geist der ‚Baracke’“ in den Neubau übertragen wird, darauf hofft auch Willy Brandt. Bei der Grundsteinlegung sagt er: „Das Erich-Ollenhauer-Haus wird auch in Zukunft kein Verwaltungskasten sein, der Verkrustungen und Unbeweglichkeiten fördert, sondern eine Einrichtung, die das Provisorium ‚Baracke’ in einem guten Sinne nicht nur zum baulichen, sondern hoffentlich auch zum geistigen Prinzip entwickelt.“ Der „Geist der ‚Baracke’“, darunter versteht er das Engagement für die Demokratie, die Partei und die Solidarität. Kein Wunder also, dass das neue Erich-Ollenhauer-Haus weiter liebevoll „Baracke“ genannt wird. Nach der Deutschen Einheit zieht die Parteiführung unter Gerhard Schröder 1999 in das neu gebaute Willy-Brandt-Haus in der alten neuen Hauptstadt Deutschlands Berlin – und erfüllt damit die Hoffnung Kurt Schumachers.

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Thomas Horsmann

ist freier Journalist und Redakteur.

 

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