Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat am Donnerstag ihre jährliche Kirchenmitgliederstatistik vorgestellt. Demnach verloren die 20 evangelischen Landeskirchen im vergangenen Jahr 590.000 Mitglieder. Zum Stichtag 31. Dezember waren 18,6 Millionen Menschen in Deutschland evangelisch. Zahlen für die katholische Kirche werden erst im Sommer vorliegen.

Im Jahr 2023 sanken die Einnahmen aus der Kirchensteuer erstmals seit 2020, in dem Jahr hatte es wegen konjunktureller Schwächen durch die Corona-Pandemie einen leichten Knick in der Einnahmestatistik gegeben. Gut 5,91 Milliarden Euro nahm die EKD 2023 ein. Hält dieser Trend an, hat das langfristig Auswirkungen auf Gebäude, Pfarrstellen und soziale Wohlfahrt.

Ein Überblick:

1. Gemeindegrößen und Pfarstellen

Derzeit legen viele katholische Bistümer und Landeskirchen Kirchengemeinden zusammen, sowohl Stadt- als auch Landgemeinden sind betroffen. Ursachen dafür sind häufig nicht nur sinkende Mitgliederzahlen, sondern auch fehlender Pfarrnachwuchs. Die Evangelische Kirche im Rheinland, die zweitgrößte evangelische Landeskirche, beschloss im Januar, die Zahl der Pfarrstellen bis zum Jahr 2040 auf rund 700 zu halbieren.

Hintergründe sind die hohe Zahl von Pensionierungen der geburtenstarken Jahrgänge in den kommenden Jahren und die geringen Nachwuchszahlen. Aktuell gibt es auf Vollzeitstellen umgerechnet gut 1.400 Pfarrstellen in der Landeskirche mit ihren 605 Gemeinden. In der benachbarten westfälischen Landeskirche könnte die Zahl der Pfarrstellen Prognosen zufolge bis 2045 von aktuell rund 1.000 auf rund 430 zurückgehen. Ähnlich sieht es in anderen Landeskirchen aus.

2. Kirchengebäude

Egal ob Kirchengebäude, Gemeinde- oder Pfarrhaus - viele Bistümer und Landeskirchen verkaufen bereits Gebäude, weil sie sie nicht mehr brauchen oder ihr Unterhalt zu teuer geworden ist. So beschloss etwa die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck vergangene Woche, mindestens 30 Prozent ihrer Gebäude aufzugeben. Aktuell befinden sich nach Angaben der Kirche rund 3.000 Gebäude in ihrem Eigentum, darunter gut 1.000 Kirchen, 500 Pfarrhäuser, 100 Kitas, 475 Gemeindehäuser sowie 800 sonstige Gebäude. Die Landeskirche müsse den Gebäudebestand der demografischen und finanziellen Entwicklung anpassen, hieß es.

3. Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser

Bereits 2020 machte die Entscheidung des Bistums Mainz Schlagzeilen, sich von fünf Schulen in seiner Trägerschaft zu trennen. Der Grund: fehlendes Geld. Auch für Kindergärten, Pflegeheime oder Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft wird aufgrund sinkender Einnahmen das Geld knapp. Der Religionssoziologe Detlef Pollack macht das am Beispiel von evangelischen Kindergärten fest.

Zwar stimme es, dass Kindergärten und andere kirchliche Einrichtungen zum Großteil Mittel vom Staat erhielten, aber dies sei eben nicht vollständig der Fall. Zehn Prozent der Mittel übernehme der jeweilige evangelische Träger. Im Jahr komme die evangelische Kirche allein bei der Finanzierung von Kindergärten auf einen Betrag von rund 300 Millionen Euro. Immerhin ein Fünftel, also zwei von zehn Kindern, besuche einen evangelischen Kindergarten.

4. Christliche Traditionen

Religionssoziologe Pollack hat in den vergangenen fünf Jahren eine verstärkte antireligiöse Tendenz in der Gesellschaft ausgemacht. Zudem sinke das Bewusstsein für die Bedeutung kirchlicher Feiertage. Zugleich bilde sich bei manchen Menschen in der Kirche ein Bewusstsein dafür heraus, wie sehr es darauf ankomme, kirchliche Traditionen zu pflegen. Unter den wenigen, die tatsächlich noch am Sonntag die Kirche besuchten, sei die Kirche hochgeschätzt.

Menschen, die sich ehrenamtlich in der Kirche engagieren, sagten, in der Kirche herrsche ein wertschätzender Umgang miteinander. Das sei der Teil der Kirchenmitglieder, der die Kirche überhaupt noch kenne. "Die anderen besitzen oft eine festgefügte Meinung über die Kirche. Sie gehen aber nicht mehr hin und haben daher auch keine Gelegenheit, ihre Vorurteile über die Kirche zu korrigieren", sagte Pollack.

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